BV Tetenbüll von 1894 e.V. - Boßelgeschichten

 

Der Boßler – oder der Unterschied zwischen einem Boßler und einem Waschlappen

 

Das Thema ist ja nicht neu, ganz im Gegenteil. Wir müssen immer wieder erklären, was uns Boßler denn so besonders macht und auszeichnet. Dabei kramen wir schon mal die Erklärung heraus, was uns von einem Waschlappen unterscheidet. Unsere Katharinenheerder Boßelfreunde haben diese Erklärung auch auf ihrer Homepage verewigt.

 

Offensichtlich schmücken sich aber auch Nicht-Boßler mit unseren einzigartigen Attributen, wie z.B. die Informatikstudenten an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften (HAW) in Hamburg, Fakultät Technik und Informatik / Fachbereich Informatik, unter der Leitung von Prof. Dr. Christoph Klauck. Andere Interneteinträge weisen daraufhin, dass die Aufstellung eventuell aus Finnland stammen könnte. Auch im SWR3-Radio-Comedy-Archiv findet sich ein entsprechender Sendebeitrag. Und interessanterweise weist auch das Telefonbuch auf die Boßler-Eigenschaften hin: Die Suche nach "Boßler" ergibt 715 Treffer, u.a. den Hinweis auf den Waschlappen-Vergleich.

 

Es ist also auch für Normalsterbliche erstrebenswert Boßlereigenschaften zu besitzen. Leider können wir jetzt gar nicht mehr sagen, wo diese erstklassige Aufzählung sämtlicher Boßler-Eigenschaften eigentlich herkommt. Wir würden doch so gerne den tatsächlichen Autor an dieser Stelle erwähnen. Wir danken deshalb vorerst Anonymus für seinen kulturell hochwertigen und wichtigen Beitrag zur Geschichte des Boßelns, denn nun wird auch vieles klarer – für Eingeweihte zumindest!

 

Damit nun auch alle wissen, wovon wir hier überhaupt reden, lassen wir alle daran teilhaben:

 

+10°C: Der Boßler dreht die Heizung ab. Die norddeutschen Bauern pflanzen Bäume.

 

+5°C: Der Boßler nimmt ein Sonnenbad, falls die Sonne noch über den Horizont scheint.

 

+2°C: Italienische Autos springen nicht mehr an.

 

0°C: Destilliertes Wasser gefriert.

 

-1°C: Der Atem wird sichtbar. Zeit, den Mittelmeerurlaub zu planen. Der Boßler isst Eis und trinkt kaltes Bier.

 

-4°C: Die Katze will ins Bett. (Anm.: Da sind uns unsere Mäuschen eigentlich lieber, aber die sind viel zu warm.)

 

-10°C: Zeit, einen Afrikaulaub zu planen. Der Boßler geht in der Nordsee schwimmen.

 

-12°C: Es ist zu kalt zum Schneien.

 

-15°C: Amerikanische Autos springen nicht mehr an.

 

-18°C: Der Boßler dreht die Heizung an.

 

-20°C: Der Atem wird hörbar.

 

-22°C: Französische Autos springen nicht mehr an. Zu kalt zum Schlittschuhlaufen.

 

-24°C: Deutsche Autos springen nur noch widerwillig an.

 

-26°C: Aus dem Atem kann Baumaterial für Iglus geschnitten werden.

 

-29°C: Die Katze will unter den Schlafanzug. (Anm.: Wenn Mäuschen jetzt käme, dann ist das zwar immer noch zu warm, aber es könnte trotzdem ganz gemütlich werden.)

 

-30°C: Kein richtiges Auto springt mehr an. Der Boßler flucht, tritt gegen den Reifen und startet den Traktor.

 

-31°C: Zu kalt zum Küssen, die Lippen frieren zusammen. Der Boßler beginnt mit dem Training.

 

-35°C: Zeit, ein zweiwöchiges Bad zu planen. Der Boßler kratzt den Eispanzer vom Dach.

 

-39°C: Quecksilber gefriert. Zu kalt zum Denken. Der Boßler schließt den obersten Hemdknopf.

 

-40°C: Das Auto will mit ins Bett. Der Boßler zieht einen Pullover über.

 

-44°C: Der Boßler überlegt, ein Fenster zu schließen.

 

-45°C: Der Boßler schließt das Klofenster.

 

-50°C: Die Seelöwen verlassen Grönland. Der Boßler tauscht Fingerhandschuhe gegen Fausthandschuhe.

 

-70°C: Die Eisbären verlassen den Nordpol.

 

-75°C: Der Weihnachtsmann verlässt den Polarkreis. Der Boßler klappt die Ohrenklappen der Mütze runter.

 

-120°C: Alkohol gefriert. Die Folge davon: Der Boßler ist sauer! (Anm.: Das kriegen Normalsterbliche aber gar nicht mit, da sie nirgends mehr zu sehen sind.)

 

 -268°C Helium wird flüssig.

 

-270°C: Die Hölle friert.

 

-273°C: Absoluter Nullpunkt. Keine Bewegung der Elementarteilchen. Der Boßler gibt zu: "Ja, es ist etwas kühl. Gib mir noch einen Schnaps zum Lutschen!"

 

Und nun kennt jeder den Unterschied zwischen Boßlern und Waschlappen. Du willst jetzt noch wissen, was das Höchste ist, was ein Mensch werden kann? Na klar, ein Boßler natürlich! (Anm.: Aber eigentlich sind Boßler ganz nette Menschen – fast wie Du und ich!)

 
 


 
 

In unserer Festschrift zum 82. Unterverbandsfest der Eiderstedter Boßler in Tetenbüll am Sonntag, den 10. Juni 2012, haben wir neben einer Repertoir-Auswahl an Tetenbüller-Boßelliedern auch einige Boßelgeschichten veröffentlicht. Diese möchten wir auch an dieser Stelle einem größeren Publikum präsentieren.

 
 

 
 

Ein "Wunder" muss "bedichtet" werden

 

Auch gedichtet wurde beim BV Tetenbüll schon immer kräftig. Hier ein legendäres Beispiel zu einem einzigen (!) Wurf am 9. Februar 1914 beim Hauptverbandsfest in Tönning. Hier hatte unsere Tetenbüller Mannschaft bei einem Feldkampf gegen die Vereinigten Köge (Dithmarschen) mal ordentlich Dusel. Es war ein harter und wechselvoller Kampf bis zum letzten Wurf. Dabei rollte die Tetenbüller Boßel in einen Graben und war verschwunden, worauf die Köger bereits über ihren Sieg triumphierten. Doch dann geschah ein Wunder. Die Boßel kroch förmlich wieder aus dem zugefrorenen Graben heraus, rollte weiter und überholte die Boßel der Köger, womit die Tetenbüller doch noch siegten.

 

Über dieses "Wunder" wurde noch lange gesprochen und darüber sogar ein Gedicht verfasst. Der Maurer Fritz Peters aus Gooshörn wurde also auch auf diese Weise gebührend gefeiert und verewigt. Das Gedicht wurde sogar bei der Druckerei H. Lühr & Dircks, Garding als Lied aufgelegt und gedruckt. Tja, das war großes Kino.

 

Im Verlaufe des kurz darauf beginnenden Ersten Weltkrieges geritet Fritz in Kriegsgefangenschaft. Unser Held von damals ward aber nicht vergessen. Auf der Jahreshauptversammlung am 1. Februar 1919 wurde laut Protokoll beschlossen, an den altbewährten Boßler Fritz Peters, z. Zt. in Gefangenschaft, einen Gruß von der heutigen Versammlung zu schicken, unter Beifügung von einem Pfund Tabak.

 
 

 

(Auszug aus dem Jahresprotokoll von 1919)

 
 

Wir sind die anderen...

 
 

Auch im Jahre 19898 gab es schon Leserbriefe
Auszug aus der Festzeitung zum Hauptverbandsfest vom 6. / 7. Februar 1898

 

Von einer geschätzten Leserin vom Lande erhielten die "Eiderstedter Nachrichten" anläßlich des Boßelfestes folgende Zuschrift, die uns zu Nutz und Frommen unserer Leser zum Abdruck gütigst überlassen wurde.

 

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Geehrter Herr Redaktör!

 

Ich mußte lügen, wenn ich nicht sagen wullte, daß ich nicht so wenig vuns Gardinger Blatt halten thue, indem sie immer so schöne Geschichten da eindrücken, daß es einen mitunter ganz sunnerbar ums Herz werden thut. Un denn die Rätsels innen "Feierabend", da haben wir auch immer viel gut vun und sie künnen gern mal wieder sun Stück machen mit Swefelsticken legen, wir brauche dazu natürlich blos die Schwedschen. Da hab ich all garnicks gegen, abers manchmal denn bin ich doch auch bannig giftig auf ihnen gewesen. Denn wovun wird die Welt so wild und fladusig, wenn sie es nicht aus die Zeitungen kriegten.

 

Die Zeitung ist schuld daran.

 

Ein Hopphei nach den andern, un mein Fru Nachbarn hat ganz rech, wenn sie sagt, da sünd nachgrad ebenso viel Tanzmusieken als Bullen ins Gardinger Blatt. Die Deerns reißen den Briefträger beinah auseinander, wenn er mit das Blatt kummt, un denn sind sie an'n Sunntag natürlich nich zu halten. Sie solln da jo man vun leben und wenn man ein Kalb zu verkaufen hat, giebt es ja auch mehr Liebhaberei, wenn er mal ins Blatt kummt, aber sunst muß da absoluts noch mal eine Änderung mit all die Vergnügens kummen, sunst machen sie die Welt noch ganz verrückt. Mein Schwester Wilhelmine, die auch schon früher mal an ihnen geschrieben hat, ist ja in Garding verheiratet, un sie haben da nachgrade soviel Klubbens und Vereinen, daß sie vun einen zum andern Mal knapp die weißen Unterröcken trocken kriegen kann. Das kann doch mein Seel auf die Längde nicht aushalten. Und warum ich eigentlich diesen Brief an ihnen schreiben theue ist, daß sie nun auch noch unsere Mannsleute aufs Land mit die Vereine kapritsch machen thun. Wenn sie denn in der Stadt son Soda und Gammurra spielen wullen, denn bleiben sie uns damit wenigstens vun'l Leibe. Ich mußte meinen, daß ich mein Peter einigermaßen zurech gekriegt hatte, aber was haben sie aus ihm gemacht? Ich muß mir da ja rein vor schenieren!

 

Das Hauptverbandsfest in Glückstadt

 

Un das kummt von nicks anderes als vun diesen neumodschen schleswig-holsteinischen Boßelverein. Wenn wir sonst sun Boßeln unter uns hatten, denn brachte Peter auch wull mal ein kleines Boots mit zu Hause, aber das ist ja nicht so schlimm. Abers nun kam das dare Glückstädter Boßelfest. Mir springen für Ärger beinah die Knöpfe vun die Talja, wenn ich man daran denken thue! Ich sag zu Peter – natürlich auf Plattdeusch, denn Peter kann mit das Hochdeutsche nicht so gut zu Gang kommen als ich – also ich sag so zu mein Peter: Was sullst Du wull in Glückstadt, Du kanns ja doch nicks loskriegen und sackst dich man was bei auf. – Ja sagt Peter, das is bei mich auch nicht wegen's Boßeln, abers sie wullen da ja man gern auch ein paar ruhige us solide Menschen mank haben, die da Steuer in halten thun. – Peter sag ich da, sieh mich in die Augen, um ich auf Dir bauen kann. Und denn sah er mich so truschuldig an, as ein nüchtern Kalw, wenn ich mit den Milchammer kommen thue. Und ich ließ ihm reisen. Und er kam ja auch wieder, – abers widennig? Ich hatt die halbe Nacht mit warme Pantuffeln un'n schönen Mehlbeutel aufgesessen, umm Mein'n Ehegemahl mit Liebe zu empfangen. SChließlich leg ich mir en bißchen hin un als ich grade wegdruseln will, hör ich ein Gröhlen und Hurrahn, als wenn Napolium gefangen war. Es dauert noch was und dann grabbelt sich da was an die Fensters längs nach die Thür hin. Ich war mir nicks Gutes vermuten, as ich nu aber meinen leibhaftigen Mann bei Lich besehen that, da hatt ich beinah en Schlag gekriegt. Peter, sag ich, wo hast Du Dein neuen Hut, den ich Dich for 14 Tagen nei Groth am Markt gekauft habe? Er hatte ein Dings auf en Kopf, as wenn die Hühner schon zwei Potschon Kükens darin ausgebrütet hatten. Peter, sag ich, wenn Deu ein vun die ruhigen und soliden Menschen büst, denn wullte ich die andern ja nicht auf neeg un fern bemöten. Na, was du nu kam, das brauch ja kein ander zu wissen.

 

Aber es wurde noch duller! Peter war an'n andern Tag so heesch, das er knapp jappen kunnte. Auch sein neue Meerschaumpfeife, was ich ihn vorigen Weihnachten von Leck geschenkt hatte, hatte er nich. Er sagt, da war das Beschlag vun los gegangen un er hatte ihn man ers bei'n Glückstädter Goldschmied zu reparieren gelassen. Nach dach ich, was da wull nach kummt. Un ein paar Tage später, as Peter grade mit bei's Futtern war, kummt der Briefträger mit'n kleine Paket an mein Mann, un da stand "Eigenhändig" auf. Ich sag mein Mann ist nicht rech gut un liegt noch in'n Bett, ich will ihm das wull eigenhändig geben. Na das is auch wull einthun, der Briefträger un ging ab. Was hatte das "Eigenhändig" zu bedeuten? Mich zitterten alle Glieder vor Aufregung, daß ich man knapp das Tau abschneiden kunnte. Erst wullte ich mir schon beruhigen, als ich in ein Zigarrenkasten richtig mein Mann sein Meerschaumpfeife finden that. Aber das Ende war schrecklich!

 

Da war nämlich ein Brief bei un da stand ein:

 

Geliebter Boßelbruder!

 

Endlich habe ich Deine Pfeife wieder entdeckt. Du hattest sie nämlich auf Nr. 4 liegen lassen, als Du und Dein Nachbar mit den beiden strammen Mädels zu Wein wart. Du hast Sophie rein den Kopf verdreht. Als wir erst die dritte Flasche Champagner hatten, warst Du ja garnicht wieder zu kennen, rein 20 Jahre jünger. Auf Wiedersehn in Garding! Habt Ihr da auch so schöne Mädchens? Verbrenne diesen Brief sofort, damit er nicht Deiner Ollen in die Hände fällt, die nach Deiner Schilderung ja ein böser Drachen sein muß.

 

Mit kräftigem "Lüch op" und Gruß und Kuß von "ihr"

 

Dein Niels Schmidt

 

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Manches ander arme Weib war nu wohl zusammengeklappt as son Putzmesser, un das war ja denn auch kein Wunder. Abers so was giebt es bei mich nich. Ich hab ihn den Gruß und Kuß von "ihr" dermaßens übermittelt, das er da wull so leich kein Smack wieder auf kriggt un das er den heiligen Erzengel Michael gegen mir wull as en Waschlappen ansehn kunnte.

 

Ja, daruaf kunnen sie sich verlassen: Mein Mann kummt mich nich wieder so zu Hause. Aber wenn so ein, als mein Peter, schon so rumhausirt, was thun denn die andern, was? Mögen sie da an denken? Ich nich! Aber nun drucken sie meinenwegen alles ruhig in ihr Blatt, daß wenigsten jedereins sieht, was es mit so'n schleswig-holsteinischen Boßelverein eigentlich auf sich hat. Un wenn denn noch ein Frau ihren Mann allein nach Garding läßt, denn bin ich da wenigstens kein schuld an, ich hab gethan was ich kunnte.

 

Karoline

 

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Soweit der Originaltext aus der Sonderausgabe der Eiderstedter Nachrichten zum Boßelfest am 6. und 7. Februar 1898 in Garding. Junge, das gab'ne Reise...

 
 

Eine Postkarte vom Hauptverband

 

Was war da denn los? Der 1. Vorsitzende des Hauptverbandes meldet sich per Postkarte "... 18:30 mit dem Zug in Katharinenheerd eintreffe."

 

Nach der langen Wartezeit des Zweiten Weltkrieges und der Neugründung 1947 sollte nach weiteren 13 Jahren Wartezeit für den BV Tetenbüll eine neue Fahne angeschafft werden. Am 20.01.1962 wurde diese durch Berührung der alten mit der neuen Fahne durch den Hauptverbandsvorsitzenden Niklaus Dunklau geweiht. Ein, so steht geschrieben, vom damaligen Festleiter Helmut Unger hervorragend organisiertes Fest, das keine Wünsche offen ließ.

 

Bei einer derartig großen veranstaltung war das ganze Dorf hellwach und ein jeder wollte dabei sein. Nur war das leider nicht so einfach, denn nur Mitglieder des Boßelvereins und die geladenen Delegationen der Nachbarvereine waren zugelassen.

 

So berichtet unser heutiger Bürgermeister Henning Möller, dass er, nur um dabei sein zu können, erst einmal an Ort und Stelle ein Mitgliedsformular ausfüllen und den Jahresbeitrag entrichten musste. Dann wurde er wieder rausgeschickt, um stolz mit dem Mitgliedsformular in der Hand beim erneuten Eintreten den fälligen Eintritt für die Veranstaltung zu entrichten.

 

Man spürt förmlich: Da herrschte noch Zucht und Ordnung! Ein netter Weihspruch verrät dann aber auch wieder die entsprechende Demut dem Ganzen gegenüber. In einer aufwändigen Arbeit wurde die Vereinsfahne vor einigen Jahren restauriert und gleichzeitig für lange Zeit konserviert.

 
 

"Alte Geschichten"

 
 

Wie alles anfing

 

Über das Boßeln in unserem Lande wird weder in alten Briefen berichtet, noch stehen alte Boßel-Rollen zur Verfügung. "Kein Lied, kein Heldenbuch" meldet davon. Man glaubt, dass das Spiel im 17. Jahrhundert durch Büsumer Schiffer aus Holland eingeführt worden ist. Etwas Gewisses aber weiß man nicht. Ein Chronist des Boßelspiels war deshalb auf mündliche Überlieferungen angewiesen, und diese hat Herr Professor Peters in Kiel mit Bienenfleiß gesammelt.


 

Zuerst wurde geschunkt

 

Was die Art des Boßelns betrifft, so hat man früher offenbar "geschunkt", der Wurf mit Umsprung scheint erst in der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts aufgekommen zu sein.

 
 

Früher gab es unterschiedliche Boßeln in Größe und Gewicht

 

Die Boßeln waren früher an Größe und Gewicht ganz unterschiedlich. Heute ist nur die Pfunds-Boßel üblich, in der Jugend die 3/4-Pfunds-Boßel.

 
 

Es wurde früher viel mehr geboßelt als jetzt

 

Durch die verschiedenen Arten von Sport, die inzwischen aufgekommen sind, ist aber ganz natürlich das Interesse für das Spiel weniger geworden. Das ist nicht nur in nationaler, sondern auch in sozialer Beziehung zu bedauern. Denn das Boßeln war und ist eine Verbindungskette zwischen verschiedenen "Ständen", die es in einer Gesellschaft geben kann.

 
 

Herr und Knecht boßelten gemeinsam

 

Beim Boßeln streben Herr und Knecht nach dem Sieg. Kraft und Geschicklichkeit geben den Ausschlag, und nach dem Kampf erfolgt der Einmarsch Arm in Arm. Hermann Dryssen, der 1880 in Westerdeichstrich starb, ließ bei günstiger Witterung seine Leute "twischen Fodertid oppe Weid" zusammenkommen, und dann mußten sie "op Satz mal smieten". Bei einem Kampfe in Neuenkirchen sollte ein Tagelöhner den letzten entscheidenden Wurf tun.

 
 

Für den Sieg wurden sogar persönliche Opfer gebracht

 

Da rief ihm sein Bauer höchst erregt zu: "Jürgen, wenn du dorhin kannst, so schenk ick di de hunnert Daler, de du mi schüllig bist." Jürgen "konnte dahin" und war seine Schulden los.


 

Lehrer mußten boßeln können

 

Auch bei der Besetzung von Lehrerstellen wurde darauf gesehen, ob der Bewerber ein guter Boßler war. Als im Jahre 1802 der Seminarist Thomas Dethlefs sich nach abgelegtem Examen um eine Stelle in Schülp bewarb, mußte er vor dem Bauern Hans Reiher Probe boßeln. Nachdem er zu dessen Zufriedenheit geboßelt hatte, wurde ihm gesagt: "Se war'n uns' Persetter", und er wurde gewählt.

 
 

Bei der Auswahl der Mannschaft gab es keine Altersgrenzen

 

Auch ältere Leute zogen mit in den Kampf. So war Gustav Thomsen, als er schon Reichstagsabgeordneter war, noch mit bei einem Boßeln zwischen Neuenkirchen und Hemme. In seinen jungen Jahren war Herr Thomsen einer der besten Boßler. Hermann Dryssen, der nach eigener Angabe 15 Ruten setzen konnte, erklärte, daß Thomsen noch einige Ruten mehr erreicht habe.

 
 

Meisterwürfe

 

Den gewaltigsten Wurf, von dem berichtet wird, tat um 1840 Johann Peters, genannt "Strandvogt", aus dem hedwigenkoog, in einem Kampfe gegen Lunden. Durch diesen Wurf bekam seine Partei "3 Schott op" und trug den Sieg davon. Johann Piening in Tiebensee, der selbst ein guter Boßler war, erzählt von dem "Robbenslagger" Reimer Stubbe aus Dellweg, der in den 20er Jahren seine Landstelle durch die "großen Jungs" besorgen ließ, selbst aber nach Grönland auf den Walfischfang fuhr: "He harr de Boßel so fürchterlich dull smeten, dat se gor nicht wedder in Stillstand kamen weer." Bei einem Kampfe zwischen Neuenkirchen und Wöhrden tat Johann Piening einen gewaltigen Wurf "von de Piepgröv öwer de beiden Stücken un öwer de Fregröv, öwer den Weg un öwer dat Stück, wo de Hüs' op staht, un öwer den Karkstieg un so op dat Pastoratland. Dor wur' se oppsett, un dann leep he den Krog öwer in de anner Fregröv." Zwei Gegner holten mit Mühe diesen Wurf ein, und einige Tiebenseer meinten, dass der Wurf wert sei, in das Kirchenbuch geschrieben zu werden.

 

Im Westerdeichstrich warf 1828 ein Arbeiter Schill mit der 3/4-Pfunds-Boßel vom Hause des J.J. Claußen auf die "Kimme" des Mitteldeichs, eine "Flügg", die jetzt von keinem Boßler auch nur annähernd erreicht werden kann. Vollmacht Reimer Witt in Zennhusen tat einmal einen Wurf von 30 Ruten (ca. 150 Meter), gemeint ist wohl mit Trümmeln.

 
 

Wahre Wunderwürfe vom Hörensagen

 

Von vielen Boßlern wird erzählt, die genau den Platz bezeichneten, wo die Boßel fallen sollte. Einer war so geschickt, dass er jedesmal in seine Mütze, die er zurechtgelegt hatte, traf. Joh. Bielenberg in Hemme ließ sich einen passenden Platz von Schnee reinfegen, weil er dort seine Kugel aufsetzen wollte.

 
 

Der Ausschank von Alkohol war beim Boßeln untersagt

 

Leider kam es früher auch manchmal zu Tätlichkeiten. Wenn der Alkohol die Köpfe erhitzt hatte, saß die Faust lose. So wurde einmal der Wesselburener Fahnenträger, ein Veteran von 1870/71, in Büsum böse zugerichtet; von seiner Wunde, die er bei Gravelotte erhielt, erholte er sich rascher als von diesen Hieben. Als die Wesselburener schon im Zuge saßen, wurde noch aus Fenstern und Türen heraus geschlagen. Einem Wesselburener mit langen Armen drangen dabei die Augen aus dem Kopfe. "Kiekt den Kerl mit de Schellfischoogen!" rief ein Büsumer. Diesem Unfug hat der Verband den Boden entzogen, indem er das Mitnehmen von Alkohol beim Feldboßeln und auch den Ausschank von geistigen Getränken beim Standboßeln verbot. Ob dieses Verbot in letztlicher Konsequenz durchgesetzt wurde scheint aus heutiger Sicht mehr als fraglich. (siehe folgendes "Beweis"-Foto)

 

 
 

Der Pferdewagen als mobile "Wurstbude"

 

Bei Feldkämpfen mit über 100 Mann konnte es schon einmal zwei Tage kreuz und quer durch Eiderstedt gehen. Zu dieser Zeit wurden die Boßler noch unterwegs mit Proviant versorgt. Bei den Feldkämpfen gegen Nachbarvereine, die damals bei Frostwetter querfeldein ausgetragen wurden, fuhren die örtlichen Bäcker noch selbst zu der Boßelbahn. So z. B. bei einem Feldkampf gegen Oldenswort, der von Oldenswort aus nördlich der Landstraße entlang führte. Bäcker Kniese kam mit Pferd und Brotwagen nach Hochbrücksiel, wo der Feldweg von den Boßlern überquert wurde, um sie dort mit Heißwecken und heißem Teepunsch zu versorgen.

 

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Soweit die Schilderung in einer alten Boßelzeitung aus dem Jahre 1908.

 

 

 
Aktuelles

 

 

 


Haus Peters: Aktuelle Herbst- / Winterausstellung von Ole West "Leuchttürme und Mee(h)r" vom 07.10.2017 bis 25.02.2018.